GS160 Neuaufbau

Restauration GS160, Serie°1, 1961
Freilegung des Originallackes

Foto Album

Gs160

Gründe für mich eine GS4 Serie°1 haben zu wollen, sind primär die dicken Backen und das einzigartige Heckfach über dem Rücklicht; nicht wirklich nützlich aber mal etwas anderes und zudem auch noch sehr selten.
Nachdem ich das Forum und den öffentlichen Markt danach abgesucht habe, bin ich überwiegend auf die italienische GS160 gestoßen, die aber entweder in einem desolaten Zustand waren, oder aber eine komplett restaurierte GS mit fragwürdigen Preisvorstellungen. Die Preisspanne bewegte sich zwischen 3.000-9.000€.

Da ich nun aber das Modell für ein Custom-Projekt hernehmen wollte, sollte es kein restauriertes Modell sein, lediglich eine solide Basis bieten.

Schlussendlich habe ich im Juni 2012 über das GSF meine GS4-Serie°1 im Allgäu gekauft. Die alte Dame stammt aber ursprünglich aus Berlin.

gehsteig-Vespa-Gs160

Erstzulassung ist im Brief mit 01.07.1967 eingetragen. Somit ist klar, dass die Originalpapiere verloren gegangen sein müssen, da dieses Datum offensichtlich gerne von den Ämtern für Ersatzpapiere herangezogen wurde (habe aber keinen Beweis hierfür).

Zustand Lack: Originallack angeschliffen, gefüllert und Mattrot überlackiert (siehe Bilder)
Zustand Motor: offensichtlich noch nie geöffnet, Spinnweben zwischen Vergaser und Zündkerzenstecker und Lüfterrad. Aber der Motor lief immer noch.

Kicker-Vespa-Gs160

Zustand Rahmen: eine kleine Bruchstelle am Trittblech. Ansonsten war die Substanz für das Alter der Dame sehr gut. Zwei Löcher im Heck unterhalb des Rücklichts, da dort ein Heckgepächträger verbaut wurde und die üblichen Stellen halt, aber ohne beängstigende Roststellen.

untersteite-Vespa-Gs160Zustand Allgemein: Es fehlten dennoch wichtige optische Merkmale der deutschen GS4, die heutzutage für völlig überzogene Preise angeboten werden, sofern man noch das Original bekommt. Es fehlten das Rücklicht, die originalen Blinker mit Aluminiumzierleisten auf den Seitenhauben, Zierleisten des Kotflügels und Finne, das Piaggio-Emblem und das passende Schloss des Heckfachs.

Nun stand Sie erstmal 2 weitere Jahre in der Tiefgarage, verschlossen und im Trockenen, da meine anderen Vespen ja auch noch auf einige kosmetische und motorseitige Eingriffe warteten.
Den Tank habe ich sicherheitshalber bis zum Rand befüllt, damit er sauber und gut erhalten bleibt. Zum Leidwesen meiner Nachbarn habe ich den Roller dann regelmäßig ein paar Meter in der Tiefgarage gefahren, damit alle beweglichen Teile, vor allem aber der Motor frei und geschmiert bleiben. Aber die alte Dame hat so sehr gequalmt, dass selbst ein Liebhaber der guten alten Zweitakter schnell an seine Grenzen des erträglichen gebracht wurde.

Meine Überlegungen für das Projekt gingen in vielen Richtungen, von einem einfachen Umbau mit PX-Motor , bis hin zum Highend-Tuning und H2o-Kühlung. Dieses mache ich natürlich nicht selber. All meine Vespen vertraue ich bereits seit vielen Jahren Wolle von SCOOTER & SERVICE in Hamburg an und bin noch nie enttäuscht worden. Meine Profi-Werkstatt des Vertrauens!

Nun war das Projekt GS4 für 2015 angesetzt, allerdings war ich mir bezüglich der konzeptionellen Umsetzung unschlüssig. Während meiner vielen Überlegungen und Abwägungen habe ich auch den Fahrzeugbrief herangezogen und mir die Anzahl der dort eingetragenen Vorbesitzer angeschaut. Dabei fiel mir immer wieder das Geburtsjahr der Vorbesitzer ins Auge (1930/1940/1958/1933) und mir wurde bewusst, dass diese entweder schon sehr sehr alt waren, oder nicht mehr unter uns weilen. Sie haben aber diese GS4 gefahren und sicherlich tolle Geschickten damit erlebt.

Somit bekam die GS für mich plötzlich eine Persönlichkeit, eine eigene Geschichte, die ich eben mit einem Komplettumbau ruinieren würde. Daher entschloss ich mich, die alte Dame wieder zum Leben zu erwecken, mit all ihren Spuren die Sie in ihrer 48- jährigen Geschichte erlebt hat.

Somit kam für mich nur in Frage, den O-Lack wieder freizulegen. Also machte ich mich daran, dies an einer kleinen Stelle zu testen, um überhaupt eine Idee des ganzen Projektes zu bekommen und ob es überhaupt realisierbar war.

028Vespa-GS160Um herauszufinden, wie ich den O-Lack am effektivsten und schonend entfernt bekommen dachte ich mir dort nachzulesen, wo sich die Profis hierzu treffen – im GSF. Unter dem O-Lack Topic fand ich dann hunderte von Seiten, Kommentare über Kommentare, A wusste es besser als B, aber B wusste es noch besser als A und C zusammen: Wer hat also Recht? Richtig, D! Wahnsinn, frage 5 Leute und Du bekommst 6! Antworten.

Also habe ich mich auf eigene Wege begeben und es erstmal mit Laugen versucht, was aber gar nicht funktionierte, wäre ja auch zu einfach gewesen. Am Ende bin ich dann bei Abbeize für Farbe gelandet; eine gelartige Masse, die man auf den Lack aufträgt, einwirken lässt und dann mit einem Kunstoffspachtel den gewünschten Lack entfernt.

spachtel-Vespa-Gs160Dann kommt da aber noch die Füllermasse, die auch wieder eingelassen werden muss, aber relativ schnell reagiert.

spachtel2-Vespa-Gs160Wartest Du aber zu lange, oder hast zu große Flächen bearbeitet und Du kommst nicht schnell genug weiter, kann es passieren, dass es Dir den O-Lack angreift. Meine Utensilien waren Pinsel, Kunstoffspachtel, japanischer Metallspachtel, Zahnbürsten, diverse Lappen, ein Eimer sauberes Wasser und natürlich das wichtigste – viel Motivation, Musik und gekühltes Bier.

111Vespa-Gs160Angefangen habe ich dann im Spätsommer 2014 mit den Seitenhauben und dem Gepächkfachdeckel, auf meinem Balkon:

backe-Vespa-Gs160

Glücklicherweise konnte ich dann bei einem sehr guten Freund in Freising, in seiner Autowerkstatt meine GS gemeinsam mit Ihm und seinem Vater komplett zerlegen. Zur Sicherheit habe ich dann insbesondere die Elektrik bei der Demontage fotografiert, um später zu wissen, was wohin gehört.

liegend-Vespa-Gs160Zur Freude meiner Freundin habe ich dann den Rahmen und den Lenker mit in den Sommerurlaub zu meinen Eltern genommen, wo wir dann den Deal ausmachten, dass ich jeden Tag 2 Stunden daran arbeiten durfte. Ich habe natürlich versucht mich strikt daran zu halten, was nicht immer gelang.

franz-Vespa-Gs160

Damals wurde sogar der verchromte Scheinwerferring überlackiert. Nachdem ich auch hier mit der Beize ran musste, kam kein Chrom zum Vorschein, sondern lediglich das Trägermaterial, Kupfer. Aber auch das werde ich so belassen, denn es ist das Originalteil, leider ohne Chrom.

Nach der Hälfte des Ablackens ging mir dann langsam die Motivation, nicht aber das Bier aus!

dreiVespa-Gs160Auf der Innenseite des Beinschildes war es sehr schwierig mit dem Spachtel schadfrei den O-Lack freizulegen, überall kleine Lackreste, O-Lack doch angegriffen, zum Teil sehr heftig angeschliffen, mit dem Spachtel bis aufs Blech gekommen, etc…. Ich war kurz davor das ganze hinzuschmeißen und den Rahmen zu strahlen und zu lackieren.
Aber glücklicherweise dachte ich wieder an die vielen Menschen die GS schon befördert hatte und somit habe ich mich wieder selbst genordet. Und es hat sich gelohnt!!!

vierVespa-Gs160

Zurück in Deutschland habe ich den freigelegten O-Lack mit einer speziellen Lackschleifpaste beigeschliffen, damit die Riefen des Anschleifens nicht mehr so tief waren. Die Roststellen habe ich 2-fach mit Rostumwandler behandelt, die Löcher bei einem begnadeten Spengler schließen lassen und die Risse wieder schweißen lassen.

Danach habe ich alles mit Verdünner gereinigt und von Hand, 2 Wachsschichten aufgetragen.
Auch zur Konservierung des O-Lacks habe ich viele Meinungen im GSF gelesen und mich für die Wachsvariante entschieden, da ich meine Roller eh nur bei gutem Wetter bewege und das sollte vorerst zur Konservierung reichen. Wenn es sich nicht bewehrt, dann würde ich über weitere Optionen nachdenken.
Schlussendlich habe ich für die reinen Lackarbeiten, wie Freilegung, schleifen, reinigen, wachsen, gute 48 Stunden gebraucht!
Jaja, wie gesagt, die Zahnbürste zählte auch zu meinem Tools!!!
Aber ich bin stolz auf das Resultat.

vier2Vespa-Gs160Nun geht es darum der Dame wieder Leben einzuhauchen.

Entschlossen habe ich mich daher, Motor und Elektrik von FLYING CLASSICS in Hamburg machen zu lassen, da mir für Elektrik das Verständnis fehlt und für den Motor die Räumlichkeiten. Auch die neuen Lager für die Gabel mussten eingepresst werden und da die Gabel nicht zu den preiswertesten und leicht erhältlichen dieser Szene zählt, habe ich mich für erfahrene und professionelle Hilfe entschieden.

GabelVespa-Gs160

Ende Februar bekomme ich nun meine GS mit 12 Volt Elektrik und komplett überholtem Motor nebst Gabel zurück. Dann geht es an den schönsten Teil des ganzen Projektes — der Zusammenbau.

Wenn die alte Dame wieder auf deutschen Strassen fahren darf, werde ich Euch mit aktuellen Bildern hier auf unserer Homepage auf dem Laufenden halten.


Schöne Grüße,

François

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3 Antworten zu GS160 Neuaufbau

  1. Jens Kühn schreibt:

    Moin aus dem Norden.
    Ich habe eine GS4 160 Typ 1 in Teilen rumliegen.Rahmen und Backen sind im echt guten Blechzustand (kein O.Lack).Es sind zwei Motoren dabei,einige Lenkerköpfe,eine Gabel und div. Kleinkram.Was ist so etwas ungefähr wert?
    Papiere gibt es nicht.Es soll sich laut Tüv und Fahrgestellnummer um eine Deutsche handeln.

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  2. Martin Scheidler schreibt:

    Hallo Francois,
    habe gerade Deinen Beitrag zur GS/4 Restauration gelesen. Bin gerade selbst dabei eine GS/4 zu reanimieren. Kann Dir nur zum Ergebnis gratulieren! Eine der schönsten Wespen die je gebaut wurden und eigentlich versteht es sich von selbst, dass man diese Fahrzeuge möglichst im Originalzustand wieder auf die Straße bringt. Ich wünsche Dir viel Freude mit Ihr und natürlich unfallfreie Touren!
    Gruß aus Augsburg
    Martin

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